Positive Verstärkung – So viel mehr als Kekse werfen

Du möchtest freundlich und fair mit deinem Hund umgehen. Dir ist wichtig, dass dein Hund sich bei dir wohl und sicher fühlt. Du möchtest Spaß mit deinem Hund haben, und er soll gerne mit dir kooperieren. Deshalb hast du dich für ein Training entschieden, das hauptsächlich die Methode der positiven Verstärkung nutzt. Unglücklich bist du darüber, dass du ständig Kekse werfen musst. Darum geht es doch im Training über positive Verstärkung, oder?

In diesem Artikel erfährst du, was „positive Verstärkung“ bedeutet, worin die Vorteile von Futterbelohnungen bestehen, was sich daneben noch zur Verstärkung von Verhalten eignen kann und noch einiges mehr.

Was ist positive Verstärkung? Und warum überhaupt belohnen?

Im Leben – und zwar nicht nur in dem unserer Hunde – geht es immer darum, Gutes zu bekommen oder zu behalten und Schlechtes zu vermeiden oder loszuwerden. Verhalten dient genau dazu. Lohnt sich ein Verhalten, weil darauf eine angenehme Konsequenz folgt, wird dieses Verhalten verstärkt. Das bedeutet, dass dieses Verhalten beibehalten oder mehr wird: es wird öfter, anhaltender und schneller gezeigt, und es wird widerstandsfähiger gegen Ablenkungen.

Wir können Verhalten mehr werden lassen, indem wir Gutes als Konsequenz auf ein Verhalten folgen lassen, oder indem wir etwas für den Hund Unangenehmes als Konsequenz auf sein Verhalten entfernen.

Positive Verstärkung meint: Etwas Gutes kommt dazu.

Starke und schwache Verstärker

Du wunderst dich vielleicht, dass es Unterschiede in der Stärke von Verstärkern geben soll. Aber die gibt es, und das ist anhand des folgenden Beispiels leicht erklärt:

Es ist warm, dein Hund hat Durst, und du siehst, dass dein Hund auf dem Weg zu einer Pfütze ist. Du kennst deinen Hund gut und weißt, dass er sich sehr wahrscheinlich der Länge nach in die Pfütze legen wird, um dann im Liegen zu trinken. Du kannst das verhindern, indem du ihm sagst, er möge sich hinsetzen – was er auch tut. Nun kannst du deinen für das Hinsetzen belohnen, indem du ihm einen Keks gibst. Du könntest deinen Hund aber auch belohnen, indem du ihm erlaubst, in der Pfütze zu planschen.
Vielleicht nimmt dein Hund den Keks an und schluckt ihn, obwohl er Durst hat und ihm der Sinn nicht danach steht, zu futtern, sondern zu trinken. Der Keks ist (günstigstenfalls) wirklich nett, aber ein besonders wirksamer Verstärker für das Hinsetzen (vor einer Pfütze), ist er nicht, sondern die Freigabe zum Planschen.

Es ist im Sinne guter Verstärkung sinnvoll, in einer konkreten Situation das aktuelle Bedürfnis, die gegenwärtige Motivation des Hundes aufzugreifen.

Ob wir ein Verhalten verstärkt haben, können wir erst im Nachhinein mit Gewissheit sagen, indem wir überprüfen, ob ein Verhalten, das wir mit unserem Hund trainiert haben, wirklich mehr geworden ist oder zumindest erhalten geblieben ist.

Was ist der Vorteil von Futterbelohnungen?

Nahrung ist ein Grundbedürfnis. Futterbelohnungen finden die meisten Hunde also von Natur aus klasse, und viele Hunde zeigen auch zwischen den Mahlzeiten einen guten Appetit. Futter funktioniert als Verstärker daher fast immer. 

Futterbelohnungen sind praktisch. Sie sind schnell verfügbar, sind sehr variabel in Größe, Menge, Konsistenz, Geschmack und somit in der Wertigkeit, was ein großer Vorteil ist.

Mit Futter können wir Einfluss darauf nehmen, wie kurz oder lang eine Belohnungssequenz andauert. Da, wo wir ein Verhalten neu aufbauen, mehrere Wiederholungen brauchen oder länger an einem Verhalten arbeiten, sind Futterbelohnungen optimal, weil wir sehr kurze Belohnungssequenzen herbeiführen können. So lässt sich bei Welpen zum Beispiel ein „Sitz“ mit kleinen Futterbelohnungen schnell öfter wiederholen. Und damit unsere Hunde Verhaltenssignale zuverlässig aufführen, benötigen sie viele Wiederholungen.

Warum funktionieren Futterbelohnungen nicht immer?

Wenn Futterbelohnungen nicht angenommen werden, kann das unterschiedliche Gründe haben. Nicht alle Hunde sind für Futterbelohnungen zu begeistern. Andere Gründe sind:

  • Das Futter schmeckt nicht.
  • Es ist warm, der Hund hat Durst, und die Futterbelohnung ist salzig.
  • Das Futter ist nicht hochwertig genug. Denken wir an uns selbst: Eigentlich sind wir satt, und wenn wir noch ein Käsebrot essen sollten, lehnen wir dankend ab. Aber für ein Eis wäre noch Platz.
  • Der Hund hat Bauchweh, Zahnschmerzen oder andere gesundheitliche Probleme.

Der wichtigste Grunde aber ist dieser: Das Hundegehirn hat gerade ein ganz anderes Programm laufen, und das ist mit Fressen nicht vereinbar.

Haben unsere Hunde zum Beispiel großen Stress, vergeht ihnen der Appetit. Haben sie Angst, streben sie nach Sicherheit für Leib und Leben, und Futter spielt dann keine vordergründige Rolle. 

Unter solchen Umständen ist strukturiertes Training ohnehin nicht möglich. Aber wenn wir in solchen Situationen eine Gelegenheit zum Belohnen finden, würde unser Hund das ihm angebotene Futter womöglich nicht annehmen. Wenn doch, wäre es kaum ein passender Verstärker.

Aber auch, wenn das Hundegehirn keine großen Sorgen hat, kann es sein, dass Futterbelohnungen nicht gehen:

Es gibt für jede Aktivität ein passendes Erregungsniveau, mit dem der Körper die Energie für die jeweilige Aktivität bereitstellt. Das Hetzen eines sich bewegenden Balls erfordert zum Beispiel wesentlich mehr Energie, als einen versteckten Ball mit der Nase zu suchen oder einen in der Nähe ruhig liegenden Ball aufzunehmen. Das Ballhetzen sorgt also für einen sehr großen Anstieg der Erregung im Hundekörper. Viele, viele Hunde können dann nicht mehr fressen, weil hierbei Aktivität (Fressen) und Erregung (auf dem Level fürs Hetzen) nicht zusammenpassen.
Das bedeutet: Wenn Futterbelohnungen nicht angenommen werden, kann es sein, dass das Erregungslevel des Hundes zu hoch ist. Hier eignen sich Belohnungsformen, die die hohe Erregung eines Hundes aufgreifen.

Wende dich an mich oder eine:n andere:n Hundeverhaltensberater:in, Mensch-Hunde-Coach bzw. Hundetrainer:in, wenn du erfahren möchtest, wie du nach Hetz- oder anderen Beutefangspielen das Erregungsniveau deines Hundes senken kannst und was du noch beachten solltest, damit dein Hund kein Ball-Junkie wird.

Spielbelohnungen

Spielen macht vielen Hunden großen Spaß, und so eignen sich auch Spielbelohnungen im Hundetraining. Das können Renn- oder Zerrspiele sein oder eben auch das Ballwerfen. Auch Suchspiele finden viele Hunde großartig, wenn sie wissen, wie die Spiele funktionieren. Das bedeutet, dass wir die eine oder andere Spielbelohnung mit unseren Hunden erst aufbauen müssen, wenn sie nicht selbsterklärend ist oder bestimmte Regeln braucht, wie z.B. die, dass man einen rennenden Menschen nicht fängt, indem man ihn anspringt oder in die Hacken beißt. 

Damit Spiel Spaß bleibt, versteht es sich von selbst, dass solche Regeln kleinschrittig und mit Freude vermittelt werden statt mit Schimpfen. Miese Gefühle verderben das Spielen, und so würde sich ein Spiel nicht mehr als Belohnung einsetzen lassen, sondern könnte vom Hund sogar als Strafe verstanden werden.

Futter und Aktivität kombinieren

Futter hat, wie wir schon gesehen haben, verschiedene Wertigkeiten. Trockenfutter-Bröckchen sind für die meisten Hunde nicht so attraktiv wie beispielsweise Käsewürfel. Wir können Futter aufwerten, indem wir es auf spezielle Art und Weise darreichen:

Ein weit gekullertes Naja-Leckerchen, den dein Hund hetzen kann, ist möglicherweise nicht weniger attraktiver als ein Yippie-Leckerchen, das dein Hund aus deiner Hand bekommt. Mehrere kleine Goodies, die dein Hund auf einem Quadratmeter suchen kann, findet er vielleicht toller, als ein einziges, das dein Hund aus der Luft fangen kann.
Ein tolles Leckerchen, das auf der Rückspur gesucht und gefunden werden kann, befriedigt mehrere Bedürfnisse gleichzeitig und kann dadurch deutlich hochwertiger sein als dasselbe Leckerchen, das dein Hund direkt vor seinen Vorderpfoten findet.

Futterbelohnungen lassen sich ebenso mit Futterbeuteln und Schreddertüten (Goodies in Papiertüten, die zerrissen werde können) kombinieren. Leberwurst oder andere schmierige Lebensmittel lassen sich z.B. an Baumrinden schmieren, um dort vom Hund in unterschiedlicher, aber stets erreichbarer Höhe heruntergeleckt zu werden. Und viele Hunde lieben die sogenannten Leckerchen-Bäume, in deren rissige Rinden wir Menschen Goodies klemmen. 

Umweltbelohnungen

Die Umwelt ist unser größter Konkurrent um die Aufmerksamkeit unserer Hunde. Und sie löst regelmäßig Verhaltensweisen in unseren Hunden aus, die wir nicht so gerne sehen. Vermutlich kennen wir es alle, dass der Hund an der Leine zieht wie ein Ochse, weil er schnell zur nächsten Schnüffelstelle gelangen möchte. 

Die Umwelt ist für unsere Hunde äußerst reizvoll; sie verspricht Verstärkung in Hülle und Fülle. Dagegen kommen wir mit Futterbelohnungen allein oft nicht an. Haben wir den Rückruf trainiert und ihn immer mit  den gleichen Goodies belohnt, wird er aller Voraussicht nach nicht funktionieren, wenn unser Hund gerade ganz aufgeregt einer Hasenspur folgt. Das Hundehirn verrechnet, welches Verhalten sich mehr lohnt. Beim Menschen wird Naja-Belohnung erwartet. Dagegen ist das Verfolgen der Hasenspur wesentlich attraktiver. Auch ohne den Hasen zu bekommen, fühlt sich das Verhalten extrem gut an.

Wir können uns über die Reize der Umwelt ärgern, wir können sie uns aber auch zunutze machen, indem wir sie – wo es möglich ist – als Belohnungen einsetzen:

  • Dein Hund geht brav an lockerer Leine, und zur Belohnung darf er die Schnüffelstelle aufsuchen.
  • Dein Hund hat sich erfolgreich aus einem Hundespiel abrufen lassen, und zur Belohnung darf er weiterspielen.
  • Dein Hund hat sich hingesetzt und einen Fahrradfahrer passieren lassen, und zur Belohnung darf er nun buddeln gehen.
  • Du hast einen Handtouch abgefragt, den dein Hund ausführt, und zur Belohnung darf er in den Bach springen, um zu planschen.
  • Dein Hund bleibt an der Bordsteinkante stehen, und zur Belohnung darf er die Straße auf dein Signal hin überqueren.

Auch Umweltbelohnungen müssen häufig erst noch aufgebaut werden. Hierzu zählen unter anderem das Buddeln auf Signal, Schnüffeln, Baden, Scannen, Wälzen,… Ein Freigabe-Signal ist bei Umweltbelohnungen ebenfalls hilfreich und schnell aufgebaut. 

Beobachte deinen Hund, stelle fest, was er oft und gerne macht. So entdeckst du seine individuellen Hobbys und kannst dir überlegen, welche du als Umweltbelohnung in dein Repertoire aufnehmen kannst und möchtest. Wichtig ist natürlich, dass wir mit den Belohnungen niemanden in Gefahr bringen. Die Freigabe zum Hetzen von Wild darf es nie geben. Meist lassen sich aber akzeptable Alternativen finden, die dem ursprünglichen Bedürfnis deines Hundes sehr nah kommen.

Soziale Verstärkung

Hunde sind soziale Wesen, und wir Menschen sind ihre bevorzugten Sozialpartner. Es dürfte also nicht weiter verwundern, dass sie auch auf soziale Verstärkung durchaus ansprechen. Und auch hier haben wir unterschiedliche Möglichkeiten und Wertigkeiten, die von Hund zu Hund ganz unterschiedlich aussehen können:

Ein ruhiges Lob finden viele Hunde nett. Hochwertiger ist es meist, wenn wir uns herzlich freuen oder unsere Hunde uns sogar wahre Begeisterungsstürme entlocken können (Manchmal ist ruhiges Loben mit tiefer Stimme aber wesentlich hilfreicher als freudiges Quietschen).
Wir können freundlich lächeln oder herzhaft lachen. Wir können unsere Hunde an uns hochspringen lassen, sie anfeuern, streicheln oder kraulen. Unter Umständen ist die reine Aufmerksamkeit ein Verstärker.

Es gibt viele Varianten der Berührung: hektisches Durchwuscheln, sanftes Kraulen an der Brust, langsames Ausstreichen des Körpers oder der Läufe mit der flachen Hand, Kratzen an der Kruppe, isometrische Übungen und zahllose weitere.

Welche Art der Berührung in welcher Intensität ein Hund angenehm findet, ist höchst individuell. Außerdem unterscheiden sich die Vorlieben beim selben Hund meistens auch stark von Situation zu Situation.

Das Hundegehirn entscheidet, was ein Verstärker ist

Du gehörst vielleicht zu den Menschen, die nicht mit Futter belohnen möchten und auch nicht immer Spielzeug mitnehmen wollen. Womöglich überlegst du nun, tolles Verhalten deines Hundes ausschließlich sozial zu verstärken. Du brauchst dafür kein Equipment, die Hände bleiben sauber, du siehst dich nicht als wandelnden Futterautomaten, und sowieso sollte dein Hund alles aus Liebe zu dir machen.

Es gibt Hunde, die damit glücklich sind und für die es nichts Schöneres und Besseres geben kann, als ihre Menschen happy zu machen. Meiner Erfahrung nach sind diese Hunde jedoch rar gesät.

Entscheidend ist – leider – nicht, wie wir unsere Hunde gern belohnen möchten, sondern was das Hundegehirn für lohnend hält. Und darüber entscheidet das Gehirn von Situation zu Situation neu.

  • So ist es also sehr gut möglich, dass dein Hund zu Hause ein sanftes Kraulen super findet, draußen in aufregender Umgebung Körperkontakt aber unangenehm findet.
  • Es ist durchaus denkbar, dass dein Hund im Sommer gerne in den Bach springt, im Winter aber überhaupt nicht.
  • Dein Hund hetzt grundsätzlich gerne den Ball, hat heute aber Rückenschmerzen oder möchte aus einen bestimmten Grund lieber in deiner Nähe bleiben.
  • Du wirfst deinem Hund ein Leckerchen ins Gras, aber es landet auf einer Pipi-Stelle, und dein Hund ist angewidert.

Wenn wir dauerhaft mit unseren Belohnungen daneben liegen und vielleicht nicht nur nicht verstärken, sondern ungewollt für den Hund sogar Unangenehmes auf sein Verhalten folgen lassen, bestrafen wir ihn aus seiner Sicht. Es wird immer wahrscheinlicher, dass der Hund das Verhalten, das wir eigentlich verstärken wollen, seltener und unzuverlässiger zeigt.

Und wo bleibt der Spaß für dich?

Vielleicht fühlst du dich von der Vielzahl der Informationen gerade etwas erschlagen, und Verstärkung erscheint dir womöglich etwas anstrengend. Aber ich kann dir versprechen, dass es Spaß macht und dich und deinen Hund noch näher zueinander bringt.

Du erkennst, wenn du deinen Hund beobachtest und Ausschau danach hältst, womit er sich gerne beschäftigt, woran er Spaß hat, was seine Hobbys sind. Du begibst dich auf Forschungsreise, um herauszufinden, welche Berührungen dein Hund an welcher Körperstelle mag – und ob er sie in jeder Situation mag. Du erkennst, wie du deinen Hund mit deiner Stimme aktivieren oder beruhigen kannst. Du lernst deinen Hund als Individuum und Persönlichkeit kennen.

Es macht große Freude, sich zu überlegen, mit welcher Belohnung man den eigenen Hund so sehr überraschen kann, dass ihm fast die Augen herausfallen. Es fühlt sich großartig an, im Training erfolgreich zu sein und einen immer zuverlässigeren Begleiter an seiner Seite zu haben. Und es macht unwahrscheinlich glücklich, in ein strahlendes Hundegesicht zu blicken, weil der eigene Hund sich so sehr freut. Gerne unterstütze ich dich und deinen Hund.

Über Vanessa

Ich bin Pawsitive Life® Coach, habe Hundeverhaltensberatung studiert und erfolgreich eine Ausbildung zum Welpencoach gemacht. Vor allem aber bin ich selbst begeistertes Frauchen im Leben von Iva.

Erfahre mehr über mich.

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